Eine Filmreihe mit kommentierten Screenings kuratiert von Ömer Alkın

Bereits in den 1960er und 70er Jahren waren in der Türkei die Fronten zwischen islamisch-konservativen, nationalistischen und sozialistischen Positionen verhärtet. Besonders die Filme der Yeşilçam-Filmindustrie machen diese politischen Konflikte sichtbar. Bemerkenswert an den Filmen jener Jahre ist, dass die Migration nach Westeuropa darin oftmals als erzählerisches Moment dient, um die politisch-ideologischen Konflikte der Türkei auszutragen. Die Beschäftigung mit den in Deutschland größtenteils unbekannt gebliebenen Filmen von Yücel Çakmaklı, Halit Refiğ und Yılmaz Güney, den Repräsentanten dreier ideologisch konträrer Positionen, bedeutet zum einen die Aufarbeitung eines Teils deutscher Migrationsgeschichte: Migrant*innen fungieren als Vehikel des ideologischen Programms der Filme. Zum anderen ermöglicht die Filmreihe auch ein Verständnis der heutigen ideologischen Prägung des Landes zwischen Islam, Nationalismus und (linkem) Revolutionsdrang.

Mit einer erstmaligen englischsprachigen Untertitelung eröffnet die Filmreihe einer breiteren Öffentlichkeit den Zugang zu einem entscheidenden Depot migrationskulturellen Gedächtnisses.

Ömer Alkın​ ist Medien- & Kulturwissenschaftler und Filmemacher. Seine Forschungsschwerpunkte sind deutsch-türkisches und türkisches Kino sowie Migration und Film. Sein Buch ​Deutsch-Türkische Filmkultur im Migrationskontext​ist der erste deutschsprachige Sammelband zum Thema seit mehr als zwanzig Jahren. Seine Schriften sind in zahlreichen Büchern und Zeitschriften erschienen. Er lebt in Köln.

MİLLÎ SİNEMA – NATIONAL-ISLAMISCHES KINO

Yücel Çakmaklı​(1937-2009), geboren im anatolischen Afyonkarahisar, proklamierte 1964 das „Millî Sinema​ („National-Islamisches Kino“). Es sollte sich der anatolisch-islamischen Realität des Landes und seiner reichen Geschichte widmen. Çakmaklı realisierte zahlreiche Serien und Spielfilme, die einer vornehmlich islamisch-konservativen Haltung folgen und historisch motiviert sind.​In seinen frühen Filmen verwandeln sich Çakmaklıs Figuren von verwestlichten Individuen zu frommen Muslim*innen.

bi’bakino #85

Thursday, 14.03.2019 19:00

Memleketim/ My Home,​YücelÇakmaklı, Turkey 1974, OV with English subtitles

Es sind die 1970er Jahre in Wien. Die moderne Istanbulerin Leyla lernt den angehenden türkischen Arzt Mehmet kennen. Schnell entwickeln beide Zuneigung füreinander. Allerdings muss Leyla bald feststellen, dass Mehmet ganz andere Vorstellungen vom Leben hat als sie: Er will nach Ende seiner Ausbildung wieder ins tiefe Anatolien zurückkehren, um seinem Land zu dienen. Doch Leylas Europaliebe ist groß. Werden die beiden Liebenden dennoch zueinander finden?

 

bi’bakino #86

Friday, 15.03.2019 19:00

Oğlum Osman/ My Son Osman,Yücel Çakmaklı, Turkey 1973, OV with English subtitles

Nach Ende des Maschinenbaustudiums in Deutschland kehrt Osman zu seiner islamisch-konservativen Familie in die Türkei zurück. Dort angekommen, stellen seine Eltern jedoch eine völlige Wandlung ihres Sohnes fest. Den Jüngling interessieren nur noch Frauen, Alkohol und Glücksspiel – eine Besinnung auf seine türkische Identität empfindet er hingegen als Rückschritt. Nach einem Streit mit den Eltern kehrt Osman zu seiner Freundin Helga nach Deutschland zurück. Doch bald ändert er seine Ansichten und begibt sich auf eine Reise, um seine verlorengegangenen türkisch-islamischen Wurzeln wiederzuentdecken.

 

ULUSAL SİNEMA – NATIONALES KINO

Mitte der 1960er Jahre setzte der Filmemacher HalitRefiğ​(1934 – 2009) mit dem „UlusalSinema“​seine eigene Version eines „Nationalen Kinos“​um. Er entwickelte es als Reaktion auf die türkischen Filmpublizist*innen jener Zeit, die sich ein türkisches Kino nach europäischem Vorbild wünschten. Mit seinen mehr als sechzig Filmen und zahlreichen Serien versuchte Refiğ, das Eigenkulturelle der Türkei vor das Westliche zu stellen. Nachkommende Generationen klassischer Filmemacher*innen der Türkei wurden durch Refiğs Filme und seine Schriften zum “Ulusal Sinema” geprägt.

 

bi’bakino #87

Thursday, 21.03.2019 19:00

Gurbet Kuşları/ Birds of Exile,Halit Refiğ, Turkey 1964, OV with English subtitles

Die aus Anatolien nach Istanbul migrierende sechsköpfige Familie Bakırcıoğlu versucht in der Großstadt das große Geld zu machen. Als sich die erkaufte Werkstatt als Betrug entpuppt, ist die Familie auf schlecht bezahlte Tätigkeiten angewiesen. Während die beiden Söhne mit dem städtischen Frauenbild zu kämpfen haben, macht die Schwester die Bekanntschaft mit der liberalen High-Society. Dort nutzt einer der Playboys die gutmütige Anatolierin sexuell aus. Schnell eskaliert die Situation für alle Beteiligten.

 

bi’bakino #88

Friday, 22.03.2019 19:00

Bir Türke Gönül Verdim/ I gave my heart to a Turk,Halit Refiğ, Turkey 1969, OV with English subtitles

Die Deutsche Eva sucht den ehemaligen “Gastarbeiter” İsmail in seiner türkischen Heimatstadt Kayseri auf. Evas Hoffnung ist es, eine gemeinsame Zukunft mit ihrem Sohn Zafer und ihrem ehemaligen Liebhaber aufzubauen. Als İsmail sie samt Sohn abweist, nimmt sich der Dörfler Mustafa der geschmähten und hilflosen Frau an. Eva verliebt sich in den gutmütigen Anatolier und nimmt gar die Lebensweise der Dorffrauen an. Erst hierauf beginnt İsmail die Beziehung der beiden zu beneiden und versucht fortan mit allen Mitteln, die deutsche Frau und den gemeinsamen Sohn wieder für sich zu gewinnen.

DEVRİMCİ SİNEMA – REVOLUTIONÄRES KINO

Ende der 1960er Jahre hinterfragte der kurdische Schauspieler und Filmemacher YılmazGüney​(1937-1984,

eigentlich Yılmaz Pütün), mit seinem „DevrimciSinema“​(„Revolutionäres Kino“) die kapitalistischen Strukturen des Landes. In seinen Filmen schlug er sich stets auf die Seite der Unterdrückten. 1981 begab sich Güney ins Pariser Exil und verstarb dort zwei Jahre später. Sein Film Yol(1982) gewann bei den Filmfestspielen in Cannes den Preis der goldenen Palme.

 

bi’bakino #89

Thursday, 28.03.2019 19:00

Umut/ Hope,Yılmaz Güney, Turkey 1970, OV with English subtitles

Der verarmte Kutscher Cabbar verliert bei einem Verkehrsunfall in der Stadt Pferd und Kutsche. Nachdem er realisiert, dass er seine Familie durch Erwerbsarbeit nicht weiter versorgen kann, beschließt er, sein Geld über Umwege zu verdienen. So investiert er in ein Los der staatlichen Lotterie. Als dieses auch keinen Gewinn abwirft, beschließt er, nach einem angeblich verschollenen Schatz in weiter Ferne zu suchen. Er verlässt Frau und Kinder auf unbestimmte Zeit…

 

bi’bakino #90

Friday, 29.03.2019 19:00

Baba/ Father​, Yılmaz Güney, Turkey 1971, OV with English subtitles

Der Hauswart Cemal beschließt, als “Gastarbeiter”​nach Deutschland zu gehen, um seiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen. Nachdem Cemal vom deutschen Arzt ausgemustert wird, zerplatzen alle seine Träume. Doch als der Sohn seines Arbeitgebers einen Mord begeht, bietet der Unternehmer Cemal einen verhängnisvollen Deal an: Wenn Cemal den Mord auf sich nimmt, soll für seine Familie gesorgt sein und ihm bei seiner Haftentlassung eine Kompensation ausgezahlt werden. Cemal stimmt zu…

 

Impressum

BI’BAK (Türkisch:Schau mal) ist ein Kollektiv und Projektraum mit Sitz in Berlin, mit einem Fokus auf transnationale Narrative, Migration, globale Mobilität und ihre ästhetischen Dimensionen. Das interdisziplinäre Programm von bi’bak bewegt sich an der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft und Gemeinschaft und umfasst Filmvorführungen und Ausstellungen, Workshops sowie musikalische und kulinarische Exkursionen.

 

Gefördert durch die Senatsverwaltung für Kultur und Europa.

Curator / Kurator

ÖMER ALKIN

Artistic Direction bi’bak / Künstlerische Leitung bi’bak

MALVE LIPPMANN, CAN SUNGU

Editor / Redaktion

MAIKE SUHR

Project Assistants / Projektassistenz

MEGAN BLACK, ZEYNEP DISBUDAK, ÖZGE MERAL

Graphic Design / Grafikdesign

JAN GRYGORIEW | JANGRY.COM

Communication Coordinator / Öffentlichkeitsarbeit

SELİM ÖZADAR

Contact / Kontakt

PRESSE@BI-BAK.DE